Gay Counseling
| ||
von Lüder Tietz
„Schwule Sau“ ist das wohl beliebteste Schimpfwort, „Lesben haben nicht den Richtigen abgekriegt“ ein häufiges Klischee. Auch wenn wir in der CSD-Saison auf die Straße gehen: Wir alle haben mit der kulturellen Abwertung von Homosexualität zu kämpfen. Zu viele Schwule und Lesben sind bereits abgelehnt und ausgegrenzt worden oder haben persönlich Gewalt erlitten – in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. In solch einer Atmosphäre ist es schwierig, eine positive Identität aufzubauen. Kein Wunder, dass einer aktuellen Studie zufolge in Deutschland fast ein Fünftel der jungen Schwulen ein- oder mehrmals Selbstmord versucht haben. Hier kann guter Rat überlebenswichtig sein.
Auch ganz gewöhnliche Alltagssorgen können zur Last werden, wenn keine geeigneten Gesprächspartner mit offenem Ohr zur Seite stehen. Im heterosexuellen Umfeld der Familie oder der KollegInnen fehlt oft die Akzeptanz und das nötige Mitgefühl. Manchmal hilft der Partner oder die Partnerin – doch was tun, wenn gerade die Beziehung das Problem ist? Häufig ist es entlastend, mit der besten Freundin oder dem besten Freund zu reden. Doch wenn es ans Eingemachte geht, ist der Freundeskreis schnell überfordert. Nur ein geschulter Berater kann dann gezielte Hilfe bieten.
Es ist allerdings erschreckend, wie schlecht viele Beratungsstellen und TherapeutInnen auf Schwule und Lesben vorbereitet sind: Sie haben in ihrer Ausbildung nichts über Homosexualität erfahren und bestehende Vorurteile kaum reflektiert. Dennoch glauben etliche heterosexuelle Profis, Schwulen und Lesben helfen zu können. Manche glauben noch immer, Patienten von ihrer Homosexualität ‚kurieren’ zu müssen. Andere meinen, dass einfühlendes Verstehen bereits ausreichen würde. Weit gefehlt. Gay Counseling / Pink Therapy
Seit mehr als 30 Jahren gibt es einen speziellen Ansatz zur Beratung von Schwulen und Lesben in psychosozialen Schwierigkeiten, das Gay Counseling. Dieses hilft Einzelnen, ihre Sexualität und Lebensweise zu akzeptieren und fördert schwul-lesbische Emanzipation. Denn individuelle Probleme entstehen oft aus der lang tradierten Abwertung der Homosexualität, die schon in Kindheit und Jugend verinnerlicht wird.
Professionelle oder professionell geschulte BeraterInnen bieten dieses Gay Counseling in Beratungsstellen oder bei Infotelefonen an. Krisensprechstunden, Einzel- und Paarberatung sowie medizinische und rechtliche Beratung gibt es in etlichen Groß- und Mittelstädten – teilweise per Telefon, E-Mail oder Internetforum. Auch Coming-out- und Selbsterfahrungs-Gruppen finden sich vielerorts. Manchmal werden Selbsthilfegruppen oder die Vernetzung lesbischer und schwuler Subkultur unterstützt. Bis heute leisten solche Beratungsstellen oder Infotelefone über 95% der psychosozialen Beratungen von Schwulen und Lesben.
In besonderen Fällen verweisen die BeraterInnen die Ratsuchenden an erfahrene TherapeutInnen. Diese haben das Gay Counseling in ihre verhaltenstherapeutische, humanistische oder körpertherapeutische Arbeit integriert. Die Folgen von Diskriminierung verarbeiten
Dreh- und Angelpunkt des Beratungsansatzes ist homophobe Diskriminierung. Dies meint nicht nur Voreingenommenheit, Vorurteile oder Stereotypen, sondern auch die kategorische Unterscheidung zwischen Homos und Heteros. Besonders schwer wiegen die ideologische Abwertung von Schwulen und Lesben sowie ihre Ausgrenzung durch Macht und Gewalt. Anti-Homosexualität beruht auf Intoleranz, Feindlichkeit bzw. Hass und orientiert sich an der kulturellen Bevorzugung von Heterosexualität.
Aktuellen Studien zufolge sind auch heute noch etwa ein Drittel der Bevölkerung ausgeprägt antihomosexuell eingestellt. Ein weiteres Drittel tritt Schwulen und Lesben allenfalls ambivalent gegenüber. Jährlich erleiden ca. 3 bis 4 Prozent der Schwulen und Lesben physische Gewalt. 13 bis 14 Prozent werden jährlich wegen ihrer Homosexualität bepöbelt, beschimpft oder beleidigt. Etwa ein Drittel der Lesben erleiden im Lauf ihres Lebens sexuelle Übergriffe.
Diese homophobe Diskriminierung und Gewalt stellt eine wiederholte oder lang andauernde traumatische Belastung dar. Dies kann das Selbstwertgefühl beeinträchtigen, woraus Kontaktprobleme oder sogar Einsamkeit entstehen können. Dies kann Depressionen, Ängste, Alkohol- und Drogenprobleme sowie Ess-Störungen auslösen oder verstärken. Oder dazu führen, Selbstmord zu beabsichtigen, zu versuchen oder zu begehen.
Bevor es so weit kommt oder gar zu spät wird, ist guter Rat gefragt. Mit professioneller Unterstützung kann Diskriminierung aufgearbeitet werden. So können sich Gedanken und Gefühle zum Positiven ändern. Verinnerlichte heterosexuelle Normen können verändert und verzerrte Selbstbilder entzerrt werden. Schwule und Lesben müssen Akzeptanz und Bestätigung erfahren, um ihren Selbstwert zu stärken und ihre Selbstakzeptanz zu verbessern. Nur so kann es gelingen, aus dem Teufelskreis von erfahrener, verinnerlichter und erwarteter Diskriminierung auszusteigen. Erst dann kann ein bewusstes und sich selbst bejahendes Leben beginnen.
Nähere Infos zum Lesen: Lüder Tietz (Hg.), Homosexualität verstehen: Kritische Konzepte für die psychologische und pädagogische Praxis. Hamburg: Edition Waldschlösschen im MännerschwarmSkript Verlag. |
