Lovestory VII

Viel Spaß!«, wünschte ich ihm, »Ich werde hier bleiben und meine Kopfschmerzen auskurieren. Wir sehen uns morgen beim Brunch?«

»Ja. Bis morgen also«, verabschiedete Kai sich. Ich war überrascht, wie aufgeregt er plötzlich war, er sah aus wie ein verliebter Teenager. Damit konnte ich Manuel für mich wohl endgültig abschreiben, dachte ich traurig. Ich legte ich mich aufs Bett, starrte an die Decke und tat mir die nächste Zeit einfach nur unendlich leid.

Anna kam eine halbe Stunde später von der Arbeit nach Hause. »Hallo Jungs!«, rief sie zur Begrüßung.

»Hallo Anna!«, rief ich zurück, »Kai ist nicht da, bin alleine hier.«

Sie kam ins Zimmer. »Wo ist Kai denn hin?«, wollte sie wissen.

»Ach, der ist über Nacht nicht da. Er hat wieder jemanden gefunden«, sagte ich und versuchte, es beiläufig klingen zu lassen. Aber Anna kannte mich inzwischen gut genug.

»Du siehst aus, als ob dir das überhaupt nicht passt«, meinte sie.

»Na ja, ..«, fing ich an und verstummte.

»Ist es wegen Kai? Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass du in Kai verliebt bist«, fragte sie mich.

»Nee, das siehst du richtig«, antwortete ich ihr, aber sagte nichts weiter.

»Musst nichts weiter sagen, wenn du nicht magst. Komm in die Küche, wir zwei kochen uns erst einmal was Leckeres«, wechselte sie das Thema.

Anna und ich hatten wieder einmal viel Spaß in der Küche. Der Geruch des guten Essens und Annas Erklärungen, wie man was am besten zubereitet, lenkten mich zum Glück von meinem Liebeskummer ab. Als wir beim Essen saßen, hatte ich mich wieder so weit im Griff, dass ich ihr die ganze Geschichte erzählen konnte.

»Erinnerst du dich an Manuel?«, fing ich an.

»Das ist doch Lisas Übernachtungsgast, oder?«, fragte sie und schaute mich an.

»Stimmt. Ich glaube, ich habe mich gestern Abend in ihn verliebt«, beichtete ich Anna.

»Und jetzt sind er und Kai zusammen?«, folgerte sie sofort.

»Ja«, nickte ich traurig.

»Und Kai ist über Nacht bei ihm? Das sieht Lisa gar nicht ähnlich, dass sie noch jemanden in ihrer Wohnung aufnimmt. Na ja, vielleicht macht sie eine Ausnahme, weil es Kai ist, aber so richtig passt das trotzdem nicht zu ihr. Du Ärmster!«, bedauerte sie mich, »Letztes Jahr der Stress mit Michael, jetzt das hier.«

Anna stand auf und umarmte mich. Das reichte, um meine Schleusen zu öffnen. Ich heulte mich erst einmal aus, während Anna mich im Arm hielt und streichelte. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich wieder beruhigt. »Danke, Anna, du bist wirklich die Beste!«, seufzte ich. Wir saßen noch eine Weile bei einem Glas Rotwein zusammen, bis ich müde wurde.

»Ich glaube, ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht, bis morgen«, gähnte ich. Auf die Party, die natürlich auch in diesem Jahr stattfand, hatte ich keinen Bock. Sicher würde ich dort auf Kai und Manuel treffen, und ich wusste, das würde mir einfach zu weh tun.

»Gute Nacht, Peter«, wünschte Anna mir leise. »Kopf hoch, irgendwo wartet der Richtige auf dich«, tröstete sie mich, als ich aus dem Zimmer ging.

Am nächsten Morgen gingen Anna und ich gemeinsam zum Brunch. »Bist du sicher, dass du es verkraftest, auf Kai und Manuel zu treffen?«, fragte Anna mich besorgt.

»Es wird schon gehen«, machte ich mir Mut. Wir gingen ins Restaurant. Anna drückte meine Hand.

Kai war bereits da und stand bei den Parisern, Manuel konnte ich nicht entdecken. Ich ging hin zu Kai, als er mich auch schon sah und auf mich zugestürmt kam.

»Hey Peter! Na, Kopfschmerzen wieder weg?«, rief er mir entgegen. Er sah glücklich aus.

»Mahlzeit der Herr! Ja, scheint wieder besser zu sein«, antwortete ich ihm.

Mittlerweile war er bei mir angekommen. Er lächelte mich verlegen an und wurde leicht rot. »Bitte sag jetzt nichts, ich mag es ja selber noch nicht glauben, aber ich habe mich verliebt«, sagte er - und schon waren sie wieder da, meine Kopfschmerzen.

»Aha«, presste ich gequält heraus.

»Er ist sooo süß, das glaubst du gar nicht!«, schwärmte Kai weiter.

Ich unterbrach ihn: »Schon gut, ich habe Manuel ja vorgestern selber kennen gelernt.«

Kai schaute mich irritiert an: »Manuel? Wieso Manuel? Nee, der doch nicht. Francois! Du erinnerst dich an letztes Jahr?«

Jetzt war ich verwirrt und schaute Kai an wie ein Pferd. »Wieso Francois? Und was ist mit Manuel?«, platzte es aus mir heraus.

»Was soll denn mit Manuel sein?«, fragte Kai verständnislos zurück.

»Na, gestern wart ihr zusammen spazieren, er knutscht dich ab, du umarmst ihn stundenlang und da dachte ich...«, stammelte ich und fragte irritiert: »Was habt ihr denn sonst gemacht, wenn nicht geflirtet?« Ich verstand die Welt nicht mehr.

Kai schaute mich ernst an: »Ich habe Manuel versprochen, dir nichts darüber zu sagen«, meinte er nach einer Weile.

»Wieso?«, fragte ich und blickte ihn völlig verständnislos an.

»Frag bitte nicht weiter«, bat Kai. »So, und jetzt lass uns nach Paris gehen. Pierre und Michel sind auch wieder da.«

Er zog mich am Ärmel zum Tisch mit den Parisern, wo Knackarsch Nr. 5 - pardon, wo Francois ihn freudestrahlend erwartete. Während wir mit den Franzosen brunchten, plauderte ich mit Pierre und Michel, auch mit Kai und Francois. Die ganze Zeit über ging mir aber nicht aus dem Kopf, dass Manuel ganz offensichtlich nicht die Nacht mit Kai verbracht hatte. Außerdem hatte ich ihn an diesem Tag immer noch nicht gesehen. Ich versuchte, die ganzen Puzzlestücke sinnvoll zu kombinieren, kam aber zu keinem brauchbaren Ergebnis und beschloss, Kai auf der Rückfahrt zu fragen. Zum Glück würden wir alleine sein. Rainer hatte sich in der Tat in seinen Gastgeber verliebt und wollte noch ein paar Tage länger bleiben.

Auf der Rückfahrt plapperte Kai erst einmal eine Stunde lang, wie wunderbar doch Francois wäre und dass sie beide so schrecklich verliebt ineinander wären und Paris entsetzlich weit entfernt wäre und eine Wochenendbeziehung eigentlich nicht sein Ding wäre, er Francois aber nicht verlieren wollte, was wohl ein Flugticket kosten würde, oder ob die Bahn doch besser wäre, billiger wäre sie wahrscheinlich schon, besonders wenn man eine Bahncard hätte, ob die Bahncard wohl auch in Frankreich gelten würde, aber mit der Bahn würde man sicher ewig und drei Tage unterwegs sein, allerdings könnte man dann wenigstens etwas lesen, wenn man wollte, oder Musik hören, aber wahrscheinlich wäre die Bahnfahrt trotzdem zu lang und Fliegen besser... Man, ich erkannte Kai nicht wieder, es schien ihn wirklich schwer erwischt zu haben. Irgendwann hatte Kai dann auch alles Wichtige (und auch ziemlich viel darüber hinaus) erzählt, und es fiel ihm auf, dass ich die ganze Zeit schweigend neben ihm saß.

»So, und nun zu dir. Peter, was ist los mit dir?«, fragte er und sah mich an.

»Nichts, es geht mir gut«, wich ich aus.

Wir fuhren weitere 10 km, bevor Kai die nächste Frage stellte: »Was war das gestern mit dir und Manuel? Und sage mir bitte nicht, da wäre nichts gewesen«, bestand er energisch auf einer ehrlichen Antwort.

Ich seufzte einen weiteren Kilometer lang. »Ich habe mich am Freitag in Manuel verliebt«, gestand ich schließlich. »Und beim Turnier dachte ich, er wäre scharf auf dich. Weißt du, als er mit dir spazieren gehen wollte, da dachte ich...«

»Ach, das waren also deine Kopfschmerzen!? Seit wann sitzt denn der Kopf hier?«, unterbrach Rainer mich und tippte auf meine Brust. Er schaute mich nachdenklich an. Weitere fünf Kilometer flogen vorüber.

»Ich hatte Manuel eigentlich versprochen, dir nichts zu sagen«, fing er zögernd an. Wir schwiegen noch einen weiteren Kilometer.

»Du hast es wirklich nicht gemerkt, oder?«, fragte Kai mich dann und sah mich so ernst an, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.

»Was sollte ich gemerkt haben?«, wollte ich nun wissen. Ich sah kurz zur Seite und beschloss, langsamer zu fahren. Kai schien mir etwas wirklich wichtiges sagen zu wollen, von dem ich nichts verpassen durfte, und 120 ist im Civic deutlich leiser als 160.

»Na, wer Manuel ist!«, erwiderte Kai.

Ich dachte nach. »Er kam mir am Freitag irgendwie bekannt vor, aber ich wusste nicht, woher«, antwortete ich und ging auf 100 runter. Es schien verdammt wichtig zu werden.

»Manuel ist der Typ, der dir letztes Jahr den Ball an den Kopf geknallt hat«, erzählte mir Kai schließlich, ohne mich anzusehen.

»Aber das war doch so ein langweiliges Pummelchen?«, fragte ich reichlich irritiert zurück. »Und Manuel ist alles andere als pummelig oder langweilig«, stellte ich fest. Aber dann fielen mir seine Augen ein: »Seine großen braunen Augen! Die sind mir im letzten Jahr schon aufgefallen«, entfuhr es mir leise.

Zum Glück kam gerade ein Rastplatz. Ich setzte den Blinker, fuhr von der Autobahn und hielt an der nächsten freien Sitzgruppe an. »Lass uns aussteigen, ich glaube, ich kann im Augenblick nicht mehr weiterfahren«, bat ich Kai. Ich war vollkommen durcheinander.

Wir stiegen aus und setzten uns einander gegenüber auf die Steinbänke. Ich stützte die Ellenbogen auf den Tisch und packte mein Kinn auf die Hände, um besser nachdenken zu können. »Er hat sich ganz schön verändert in dem einen Jahr«, meinte ich nach einer Weile. Mir fiel auf, dass ich Manuel dieses Wochenende nicht in seinem Trikot gesehen hatte. »Ich habe ihn gestern nur im Trainingsanzug gesehen. Kein Wunder, dass ich ihn nicht erkannt hatte«, meinte ich. »Das rote Trikot mit der Nummer 6 hätte mir vielleicht die Augen geöffnet.«

»Vielleicht«, erwiderte Kai und überlegte eine Weile, bevor er weiter redete. »Er hatte dich gleich erkannt, als er dich bei Anna gesehen hatte und wäre am liebsten sofort wieder gegangen«, fing er an zu erzählen. »Aber du hast ihn so freundlich angelächelt, dass er völlig irritiert war. Und er hat schnell gemerkt, dass du ihn offenbar nicht erkannt hast, also hat er sich überwunden und ist geblieben. Später war er dann erstaunt, dass du ganz anders warst als letztes Jahr. Und so wie du die Geschichte vom letzten Jahr erzählt hast, so schonungslos ehrlich, das hat ihm irgendwie imponiert. Aber er war sich nicht sicher, wie du wirklich bist: So wie im letzten Jahr oder so wie vorgestern Abend.« Kai sah mich an und schwieg eine Weile. »Weißt du eigentlich, dass du ihm verdammt gut gefällst?«, fragte er plötzlich. Das eben gehörte kreiste nun wild durch meinen Kopf. Ein Gedanke kristallisierte sich heraus.

Aber da redete Kai auch schon weiter: »Das alles hat ihn ziemlich verwirrt, und daher ist er gestern zu mir gekommen und hat gefragt, ob ich mit ihm spazieren gehen würde. Man Peter, Manuel hat mir wahre Löcher über dich in den Bauch gefragt. Er wollte einfach wissen, woran er bei dir ist. Eigentlich hatte er letztes Jahr schon gehofft, dich besser kennen zu lernen, deshalb ist er bei der Party auch zu dir gekommen, um sich noch einmal zu entschuldigen. Seine Freunde haben ihn sogar noch dazu ermutigt. Aber du hattest ja nichts besseres zu tun, als dich wie der letzte Mensch zu benehmen.« Ich musste schlucken, aber Kai fuhr unbarmherzig fort. »Er ist damals nach deinem Gebrüll wegen der Cola heulend abgezogen. Du kannst so ein Arsch sein, weißt du das eigentlich?« Man, so sauer habe ich Kai noch nie gesehen. Aber ich wusste, er hatte Recht mit seinen Vorwürfen.

»Dieses Jahr habe ich es dann wohl endgültig vergeigt«, erzählte ich leise. »Ich hatte mich wie schon gesagt in Manuel verliebt und dachte, er wäre hinter dir her. Ich war so eifersüchtig, als ihr beide vom Spaziergang zurückgekommen wart und er dich geküsst hatte.« Es fiel mir wieder ein, dass es nur ein Kuss auf die Wange war, weit entfernt von der wilden Knutscherei, die ich in meiner Eifersucht daraus gemacht hatte.

»Oh Gott, wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich dir gleich gesteckt, was Sache ist«, stöhnte Kai auf. Sein Ärger war spürbar am abklingen. »Und ich mach noch geheimnisvolle Andeutungen, weil ich wusste, dass Manuel dich ansprechen wollte. Aber das hast du natürlich überhaupt nicht geschnallt, oder? Was ist denn diesmal passiert, als Manuel zu dir gegangen ist?«

Ich konnte kaum auf seine Frage antworten. Mir ging gerade auf, dass ich anscheinend am Tag zuvor die Gelegenheit, mit meinen Traummann zusammen zu kommen, nach allen Regeln der Kunst mehr als gründlich vergeigt hatte: »Als ich zur Mittagspause wieder in der Halle war, kam Manuel zu mir und fragte, ob ich mit ihm spazieren gehen wollte.« Ich zögerte.

»Und?«, hakte Kai nach.

»Ich zickte rum und meinte, ich wolle kein Pokal in der Trophäensammlung von irgendeinem Schönling sein, schließlich hatte er ja vorher mit dir rumgeknutscht«, beichtete ich leise.

Kai schlug die Hand vor die Stirn, seufzte tief und schüttelte ungläubig seinen Kopf.

»Du hast echt ein Talent, Peter!«, stöhnte er nach einer Weile. »Jetzt weiß ich auch, warum Manuel in der Mittagspause wie ein geprügelter Hund bei mir ankam und kurz vorm Heulen war. Ich habe ihn erst einmal fest umarmt, er war völlig fertig. Aber er hat mir nicht gesagt, warum. Man, bin ich froh, dass wir nur Freunde sind und nichts weiter voneinander wollen, das würde ich wahrscheinlich nicht überleben!«, ließ er eine Spitze in meine Richtung ab.

»Das heißt also, wenn ich nicht so tierisch eifersüchtig auf euch gewesen wäre und alles falsch verstanden hätte, dann hätte ich jetzt vielleicht mit Manuel zusammen sein können«, fasste ich das Ergebnis meiner Gedanken entsetzt zusammen. Mein Magen verkrampfte sich und mein Frühstück überlegte, den Weg zurück nach oben anzutreten. Ich atmete ein paar Mal tief durch, um mich zu beruhigen. Wenigstens blieb mein Frühstück, wo es war, aber ich konnte nicht mehr klar sehen, da meine Augen feucht wurden.

»Fahr du bitte, ich kann nicht mehr«, flüsterte ich mit versagender Stimme und gab Kai den Schlüssel. Wir gingen zurück zum Auto. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und schaute aus dem Fenster, ich wollte nicht, dass Kai meine Tränen sehen konnte. Kai schwieg taktvoll. Er spürte, wie ich mich fühlte und fuhr uns einfach nur nach Hause.

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