Lovestory VIII

Nach ein paar Tagen rief ich Anna an und erzählte ihr die Geschichte. Sie ergänzte, dass Manuel sich bereits am frühen Morgen von Lisa verabschiedet hatte, weil er angeblich noch eine Familienfeier am Nachmittag hätte, und seine Augen total rot gewesen seien. Sie versprach, sich bei Lisa zu erkundigen, ob Manuel ihr eine Telefonnummer oder Adresse gegeben hatte. Ich wartete zwei endlose Tage voller Ungeduld, bis Anna mich anrief und mir mit großem Bedauern mitteilen musste, dass Lisa weder Manuels Adresse noch seine Telefonnummer hatte. Nach dieser Nachricht war ich vollkommen fertig. Ich fühlte mich wegen der verpassten Chance bei Manuel noch weitaus schlimmer, als ich mich vor einem Jahr wegen der Trennung von Michael gefühlt hatte. Diesmal war es meine Schuld, dass ich alleine war, und etwas anderes empfand ich als noch viel schlimmer: Ich hatte jemandem schrecklich weh getan - jemandem, in den ich mich verliebt hatte und der sich anscheinend auch in mich verliebt hatte. Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte. Das war im Leben nicht wieder gut zu machen, davon war ich überzeugt.

Die Wochen vergingen, aber die Geschichte mit Manuel setzte mir immer noch zu. Gut zwei Monate nach dem Volleyball-Turnier in Delft war ein weiteres Turnier in Holland angesetzt, und zwar in Den Haag. Ich war felsenfest entschlossen, nicht mitzufahren. Ich wollte nicht auf Manuel treffen, und auch seiner Mannschaft wollte ich nicht mehr unter die Augen treten. Ich fühlte mich einfach nur schrecklich in meiner Haut und wünschte mir die ganze Zeit, das letzte Turnier in Delft mit all seinen Vorkommnissen hätte niemals stattgefunden. Zum Glück fanden sich sechs andere Männer, die fahren konnten, und ich brauchte nicht mitzukommen.

Am Mittwoch vor dem Turnier geschah es dann: Ludger knickte beim Training um, sein Knöchel wurde dick und es wurde ein neuer sechster Mann benötigt. Rainer kam auf mich zu: »Peter, du musst mit nach Den Haag kommen«, forderte er mich energisch auf. »Was ist bloß mit dir los, normalerweise bist du doch kaum zu bremsen, wenn es zu Turnieren geht?«, wollte er wissen.

»Erinnerst du dich an das Turnier neulich in Delft?«, fragte ich Rainer und erzählte ihm die Geschichte in groben Zügen.

»Man man man, da hast du aber wirklich Mist gebaut, Peter«, schüttelte er den Kopf.

Ja doch, das war mir durchaus schon bekannt, das muss man mir nicht noch extra unter die Nase reiben, dachte ich missmutig.

Rainer fuhr unbarmherzig fort: »Aber wir sind nur fünf Leute, und von den anderen hat niemand am Wochenende Zeit. Du musst mitkommen, Peter!«, forderte er mich noch einmal auf.

Ich sagte also widerstrebend zu, mit nach Den Haag zu fahren und hoffte inständig, dass Manuels Team oder zumindest er nicht teilnehmen würde. Kai war zusammen mit Francois auf Gran Canaria und würde also nicht dabei sein. Ich wusste nicht, wie ich ein Aufeinandertreffen mit Manuel ohne Kais moralische Unterstützung meistern würde. Ich hatte Angst, mich wieder einmal zu blamieren oder Manuel erneut zu verletzen. Einen Lichtblick gab es aber: Notfalls könnte ich immer noch zu Anna fahren und mich bei ihr ausheulen, schließlich ist Delft fast schon ein Vorort von Den Haag.

Am Freitag sammelte ich Rainer und Holger ein und wir fuhren gemeinsam nach Den Haag. »Oh man, hoffentlich geht das gut«, seufzte ich, als wir uns dem Autobahnkreuz bei Osnabrück näherten.

»Wieso, das ist doch nicht so schwer: Einfach die A30 nehmen«, meinte Rainer irritiert.

»Nee, das meine ich nicht. Ich meine das Turnier«, stellte ich richtig.

»Ach so, wegen Manuel... In welcher Mannschaft spielt er denn eigentlich?«, wollte Rainer wissen.

Ich überlegte kurz, hatte aber keine Ahnung. »Schwarze Hose, rotes Hemd. Weiß einer von euch, welches Team das ist?«, fragte ich. Aber auch Holger und Rainer wussten es nicht, und so konnten wir trotz Liste der teilnehmenden Mannschaften nicht herausfinden, ob sein Team sich ebenfalls angemeldet hatte.

In Den Haag angekommen, ging das übliche Procedere los: Wir suchten den Treffpunkt, und als wir ihn endlich gefunden hatten, lernten wir unsere Gastgeber kennen. Ich war diesmal alleine bei einem netten älteren Holländer untergebracht, der am Stadtrand von Den Haag wohnte.

Den Haag ist übrigens der Regierungssitz der Niederlande. Die Stadt liegt direkt an der Nordsee und ist bei weitem nicht so klein wie Delft. Die Stadt hat etwas weniger als 500.000 Einwohner, also etwa so viele wie Leipzig. Ich war froh, ein Auto zu haben. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätte ich vom Stadtrand aus nicht fahren wollen, mit denen stehe ich in fremden Städten immer ein wenig auf Kriegsfuß.

Mein Gastgeber und ich köpften am Abend noch eine der beiden von mir als Gastgeschenk mitgebrachten Flaschen Rotwein und plauderten ein wenig. Gegen ein Uhr legte ich mich schlafen.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, ich wollte rechtzeitig in die Halle kommen. Mein Gastgeber schlief noch, also duschte ich schnell, packte meine Sportsachen in die Tasche und verschwand ohne Frühstück nach draußen. Ich würde unterwegs bestimmt etwas zu essen finden, da war ich mir sicher.

Kurze Zeit später stand ich an der Einmündung in eine größere Straße und musste wegen des Verkehrs ein wenig warten, bevor ich nach links abbiegen konnte. Gelangweilt schaute ich mich ein wenig um und sah auf der anderen Seite eine Bushaltestelle, an der ein junger Mann mit Sporttasche stand. Ob der wohl auch zum Volleyballturnier wollte? Er schaute zunächst ebenso gelangweilt in meine Richtung, sah das Auto und schien es sich neugierig anzuschauen. Ich schaute ebenfalls etwas genauer hin und erkannte - Manuel! Auch das noch, dachte ich und merkte, dass auch er mich gerade eben erkannt hatte, sein Gesicht sprach Bände. Ich sah eine Lücke im Verkehr und fuhr los. Fieberhaft überlegte ich, was ich jetzt machen sollte: Weiterfahren oder anhalten? Was war schlimmer: Ihn einfach zu ignorieren oder mich nach all meinen peinlichen Ausfällen bei ihm aufzudrängen?

Die ersten Regentropfen, die gerade auf die Windschutzscheibe fielen, nahmen mir die Entscheidung ab. Ich fuhr in die Haltebucht bei der Bushaltestelle und ließ das Beifahrerfenster runter. »Du willst doch sicher auch zum Volleyballturnier, oder?«, sprach ich Manuel an. Er schaute mich abweisend an und sagte kein Wort.

»Komm, steig ein. Es fängt an zu regnen, und ob du mit dem Bus pünktlich bist, wage ich zu bezweifeln«, versuchte ich ihn zum Einsteigen zu bewegen und öffnete von innen die Beifahrertür. Manuel seufzte tief, aber dann legte er seine Tasche auf die Rückbank und stieg ein. Ich fuhr los und sah aus den Augenwinkeln vorsichtig nach rechts. Manuel saß auf dem Beifahrersitz und schaute stur geradeaus. Er sah wirklich nicht so aus, als ob er sich in meiner Gesellschaft wohl fühlen würde.

Nach ein paar Minuten mussten wir an einer roten Ampel halten. 100 Meter weiter vor uns sah ich eine Bäckerei. Mir fiel mein knurrender Magen wieder ein. »Ich habe noch nichts gefrühstückt. Ist es in Ordnung, wenn wir kurz an der Bäckerei dort vorne halten?«, fragte ich Manuel.

»Du bist der Fahrer«, antwortete er nur und schaute weiter geradeaus.

Ich hielt vor der Bäckerei und fragte ihn: »Hast du eigentlich schon gefrühstückt?«

»Ja!«

»Okay, ich bin dann gleich wieder zurück«, teilte ich ihm mit und stieg aus dem Auto. Den Schlüssel ließ ich im Schloss stecken, damit das Radio weiterlief.

Manuel sah müde aus, und ich dachte, ein Kaffee würde ihm gut tun. »Zwei Kaffee und drei belegte Brötchen zum Mitnehmen, bitte«, gab ich meine Bestellung auf.

Voll bepackt ging ich zurück zum Auto, stieg ein und reichte Manuel den zweiten Kaffee sowie ein paar Päckchen Milch und Zucker, die ich in der Bäckerei schnell in die Jackentasche gesteckt hatte. Er sah mich überrascht an. »Danke!«, sagte er leise.

Wir tranken unseren Kaffee während der Fahrt, ohne ein weiteres Wort mehr miteinander zu sprechen. Schließlich kamen wir nach knapp 30 Minuten Fahrt bei der Halle an. Manuel stieg aus und verriegelte die Tür. Mir fiel auf, dass er dafür im Gegensatz zu fast allen anderen Mitfahrern nicht fragen musste, wie es funktioniert - beim Honda Civic ist das beileibe nicht selbstverständlich, da er keine profanen Knöpfe zum Verriegeln hat.

Schweigend gingen wir vom Parkplatz zur Halle. »Viel Erfolg!«, wünschte ich leise, als wir in getrennten Umkleideräumen verschwanden. »Danke!«, hörte ich es ebenso leise zur Antwort. Es klang ein wenig - überrascht, erfreut? Ja, es schien tatsächlich erfreut geklungen zu haben.

In unserer ersten Spielpause schlenderte ich durch die Halle. Ich sah Manuel und seine Mannschaft am anderen Ende spielen und beschloss, hinzugehen. Aus einiger Entfernung sah ich mir das Spiel an. Manuel spielte ziemlich gut, fiel es mir auf, überhaupt kein Vergleich mehr mit seinen Fähigkeiten letztes Jahr in Delft. Wie gut er wirklich war, merkte ich kurze Zeit später, als er zwei Punkte hintereinander nur mit seiner Angabe holte. Manuels Mannschaft gewann dieses Spiel verdient, nicht zuletzt auch durch sein Spiel. Ich war beeindruckt, wie viel Manuel im letzten Jahr dazugelernt hatte.

Nach dem Spiel musste ich zurück zu meiner Mannschaft, da wir gleich wieder spielten. Bald war zu erkennen, dass dieser Gegner keine Chance gegen uns hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Manuel aus einiger Entfernung unauffällig zuschaute. Für mich war das ein Ansporn, mein bestes zu geben. Ich hatte mich vor ihm so oft und so heftig blamiert, dass ich wenigstens hier auf dem Spielfeld einen guten Eindruck hinterlassen wollte. Ich glaube, das gelang mir auch ganz gut, und am Ende gewannen wir haushoch.

In der nächsten Spielpause schaute ich wieder Manuels Team beim Spiel zu und traute mich diesmal ein wenig dichter heran. Ich sah, dass Manuel mich bemerkte, und ich hatte nicht den Eindruck, dass es ihn stören würde. Auch in diesem Spiel war Manuel meiner Ansicht nach einer der besten Spieler auf dem Platz. Sein Team gewann erneut ohne Probleme. Ich nickte anerkennend in Manuels Richtung und hatte den Eindruck, dass er sich schnell umdrehte, damit ich seine Reaktion auf meine Anerkennung nicht sehen konnte. Ich hätte eigentlich gerne einen Moment darüber nachgedacht, warum er mir seine Reaktion nicht zeigen wollte, musste aber schnell zurück zu meiner Mannschaft, da unser nächstes Spiel in weniger als einer Minute anfing.

Zwei Spiele später sah es für uns nicht mehr so rosig aus. Rainer hatte sich beim Blocken einen Finger verstaucht, und so mussten wir ihn vom Netz fern halten. Einen Ersatzspieler hatten wir ja nicht, und so schwanden unsere Kräfte schneller und schneller. Zum Glück war nur noch ein Spiel in der ersten Runde zu spielen, danach war Mittagspause. Die eine Stunde Pause würde uns gut tun, wir waren alle reichlich ausgepowert.

»Ich geh jetzt und hol mir was zu essen«, verkündete ich sofort nach dem Abpfiff. »Das war uns klar«, lästerte Holger, und Rainer murmelte mir noch etwas wie »Peter, unser Nahrungsstaubsauger.« hinterher. Ausgelaugt schlurfte ich mit hängendem Kopf in Richtung Buffet, als plötzlich mein linker Fuß blockiert war - ich hatte links ein offenes Schuhband, wie sich später herausstellte, auf das ich wohl mit dem rechten Fuß getreten war. Kraftlos wie ich nach den letzten zwei Spielen war, stolperte ich natürlich sofort und fiel nach vorne. Mein Fall wurde jedoch abrupt gebremst, zwei kräftige Arme fingen mich auf. Instinktiv schlang ich ebenfalls meine Arme um meinen Retter.

Zunächst hatte ich es gar nicht gemerkt, aber nach einer Sekunde sah ich, dass ich ausgerechnet Manuel in die Arme gestolpert war. Starr vor Schreck war ich unfähig, irgendetwas zu unternehmen. Folglich hielt ich mich erst einmal weiter an ihm fest. Und auch er ließ mich nicht los. Wahrscheinlich hatte er Angst, ich würde auf den Boden fallen, ging es mir durch den Kopf, ich musste in dem Moment ja eine recht jämmerliche Gestalt abgegeben haben. Wir schauten uns an. Ich sah seine großen braunen Augen und versank ihn ihnen.

Es vergingen fünf Sekunden, es vergingen zehn Sekunden, seit ich in ihn hineingestolpert war. Manuel und ich hielten uns weiterhin fest in den Armen und schauten uns immer noch in die Augen. Auch wenn ich jetzt wahrscheinlich wieder auf meinen eigenen Beinen stehen konnte, so war ich aber trotzdem nicht in der Lage, ihn loszulassen. Ich war immer noch geschockt, dass ich ausgerechnet ihm in die Arme fallen musste. Zudem konnte ich es nicht glauben, dass ich mich gerade in seinen Augen verlor. Verschärfend kam hinzu, dass anscheinend einige meiner Sinne gerade Überstunden machten. Meine Nase empfing seinen erotischen männlichen Geruch, ich fühlte seine Brust an meiner und spürte seine kräftigen Arme auf meinem Rücken, die mich an seinen Körper pressten. Mein Körper reagierte instinktiv auf diese Reizüberflutung, und ich merkte, dass meine Hose plötzlich spannte und mein Schwanz dadurch immer intensiveren Kontakt zu seinem Bein bekam. Das verwirrende Gefühl auf meinem Rücken, als ob mich jemand zärtlich streicheln würde, war nicht unbedingt hilfreich beim Versuch, meine aufkommende Erektion zu unterdrücken. Ich hoffte, Scotty würde mich hoch auf die Enterprise beamen, möglichst schnell und möglichst weit weg von hier. Die Situation war vorher schon peinlich genug - jetzt war sie definitiv zum peinlichsten Augenblick in meinem Leben geworden.

Nachdem weitere endlos scheinende Sekunden verstrichen, wurde ich wieder Herr über meine motorischen Fähigkeiten. Das Blut schoss in meinen Kopf, und blitzartig nahm ich meine Arme von Manuels Rücken. »Ich... äh... danke... 'tschuldigung... äh..«, stammelte ich ihn an und wurde noch roter. Langsam ließ auch Manuel mich wieder los. »Dein Schuhband ist offen, du bist anscheinend darüber gestolpert«, hörte ich ihn wie aus weiter Ferne sagen. Ich schaute nach unten - er hatte Recht. Schnell ging ich runter auf mein rechtes Knie, um das Malheur zu beheben. Nicht bedacht hatte ich allerdings, dass mein Gesicht dadurch vor der Beule in seiner Hose landete - genau genommen landete es sogar direkt daran.

»Das brauchst du jetzt aber nicht zu tun, ich habe dich dich gerne aufgefangen und erwarte dafür keine Gegenleistung«, kam es mild spöttelnd von oben. Ich erfuhr also gerade, dass selbst der vermeintlich peinlichste Moment im Leben noch steigerungsfähig war. Jetzt nahm ich auch das Gekicher und Gelächter derjenigen wahr, die Zeugen meines Missgeschicks waren.

Ich verwünschte mein loses Mundwerk, als mir ein »Und du könntest diese Gegenleistung auch bekommen, ohne dass du mich dafür auffangen musst.« herausplatzte. Ich merkte sofort, was ich da gerade von mir gegeben hatte und täuschte vor, intensiv an der Auflösung eines Doppelknotens zu arbeiten. Wenn Scotty mich schon nicht hochbeamte, könnte sich dann bitte ganz schnell ein Loch in der Erde auftun und mich verschlingen, wüschte ich mir, aber es half natürlich nichts.

Manuel hatte dann das letzte Wort: »Danke für dein Angebot, aber im Augenblick möchte ich lieber etwas essen«, sagte er und ging zum Buffet.

Ich nestelte so lange an meinem imaginären Doppelknoten, bis das Gelächter um mich herum abgeklungen war und mein Kopf sich nicht mehr glühend heiß anfühlte. Möglichst unauffällig verschwand ich aus der Halle, hastete zur Toilette und schloss mich erst einmal in einer Kabine ein. Ich war immer noch vollkommen durcheinander. Wieso hatte ich Manuel so lange gehalten und ihn nicht früher losgelassen? Und warum hatte er mich so lange festgehalten? Hatte er gemerkt, dass ich einen Steifen bekommen hatte? Hatte ich es geträumt, oder hatte er tatsächlich mit seinem Daumen meinen Rücken gestreichelt? Ich lehnte mich nach hinten, ließ den Kopf in den Nacken fallen und seufzte tief auf. Was war da eben gerade passiert, und was hatte es bloß zu bedeuten?

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