Schwungvoll und behaart
Wenn Männer bauchtanzen
Das erste Mal hat er Bauchtanz im Fernsehen gesehen – mit sechs Jahren. Seit der Zeit ist Mohammed dem Tanz verfallen. Seitdem steht er jeden Tag vor dem Spiegel und ahmt seinen Vorbildern nach: berühmten ägyptischen Tänzerinnen. Erst jetzt, mit 22 Jahren, hat er sich eine ausgebildete Lehrerin genommen. Er möchte eine Profikarriere starten. Samah Abbas, Tanzlehrerin: "Es ist erstaunlich, wie gut er tanzt. Dabei hat er sich alles allein beigebracht. Das einzige, was ihm vielleicht noch fehlt, ist ein Gefühl für Choreographie. Viel zeigen muss ich ihm allerdings nicht mehr. Mohammed besitzt ein göttliches Talent."
Warum sollen nur Frauen bauchtanzen?
Mohammed Raafat, Bauchtänzer: „Mir geht es nicht darum, einfach eine Frau zu kopieren. Auch wenn es mir leicht fällt, deren Bewegungen nachzutanzen. Aber ich bin ein Mann, ich habe meinen eigenen männlichen Stil.“ Mohammed hat sich mit den Schwestern seiner Tanzlehrerin angefreundet. Mit ihnen zieht er durch die Märkte Kairos auf der Suche nach geeigneten Kleidungsstücken für seine Auftritte. Er weiß, dass viele Ägypter männliche Bauchtänzer für Homosexuelle halten. Er leidet unter den Verdächtigungen, will darüber aber nicht sprechen. Auf dem Markt trifft er seinen Agenten, der ihm kleine Auftritte vermittelt. Bei privaten Geburtstagsfeiern, in Feriensiedlungen.

War Bauchtanz noch vor einigen Jahrzehnten in Ägypten überaus populär, gilt er heute einer zunehmend konservativen ägyptischen Gesellschaft als unmoralisch.
Besonders wenn ein Mann tanzt. Mohammed Raafat, Bauchtänzer: "Gut, es gibt immer Leute, die dir zurufen: 'Das ist eine Schande, was du machst.' Aber warum soll ich nicht das selbe tun dürfen wie junge Mädchen: Tanzen. Es ist etwas Ästhetisches. Eine Kunst." Ahmed Rushdy, Agent: "In Ägypten sind nur 5, 6 männliche Bauchtänzer unterwegs und das erst seit wenigen Jahren. Wenn eine Frau tanzt, ist das für viele etwas körperlich Aufreizendes. Der Mann aber zeigt mehr das Technische des Tanzes. Da ist doch nichts Anstößiges dabei."
Keine Toleranz
Homosexualität ist ein Wort, das niemand gerne ausspricht. Homosexuelle werden polizeilich regelrecht gejagt. 2001 wurden auf einem Nilboot 52 Männer festgenommen und teilweise gefoltert. Weil sie angeblich Frauenkleider getragen haben sollen. Das öffentliche Vergnügen wird immer mehr in das Halbdunkel gedrängt. In schmutzigen Kellerbars, wo Schmiergelder an korrupte Polizisten fließen, werden aus Bauchtänzerinnen ganz offen Liebesdienerinnen. Filmen können wir nur heimlich. Die Gesellschaft lässt sich nicht gerne ihre scheinheilige Maske abnehmen. Aus dem Staatlichen Ägyptischen Fernsehen sind Bauchtanzaufführungen verbannt.
Mohammed besucht oft die Familie seiner Tanzlehrerin, um sich dort wenigstens Videos über Bauchtanz anzusehen. Es macht ihm Mut; dass die Mutter seiner Lehrerin ihre Töchter und auch ihn gegen allzu fundamentalistische Anwürfe aus der Gesellschaft verteidigt. Sanaa Abbas, Mutter: "Im Leben einer Frau gibt es Etappen. Etwa das Lebensalter der Würde, wo ein Mädchen beginnen sollte, sich züchtig zu kleiden. Ich verlange aber nicht von meinen Töchtern, daß sie sich so anziehen wie ich. Ich vertraue auf ihre innere Würde, die sie auch nicht verlieren, wenn sie tanzen. Unsere Religion verlangt doch nicht, unterwürfig zu sein." Mohammed Raafat, Bauchtänzer: "Eigentlich sind es schon ziemlich viele Menschen, die nicht verstehen, was wir machen. Wer weiß denn, wie ich mich in meinem Inneren fühle. Aber egal. Wenn ich tanze, versetze ich mich in eine andere Welt. Das lässt mich das ganze Drumherum vergessen."
Traumberuf Bauchtänzer
Mohammed hat Abitur gemacht. Aber nie erwog er ernsthaft den Gedanken mit etwas anderem als mit Tanz seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zusammen mit den Mädchen aus der Tanztruppe fährt er zu einer Bauchtanzvorstellung an die ägyptische Mittelmeerküste. Drei, vier Auftritte pro Monat ermöglichen ihnen ein bescheidenes Einkommen – und das Gefühl eines freieren Lebens. Mohammed kennt aber die Grenzen der eigenen Gesellschaft genau. Provokation liegt ihm fern. Er kleidet sich anständig in der traditionellen Galabiyah. Er will keinen Anlass für Spott liefern. Mohammed Raafat, Bauchtänzer: "Das Publikum habe ich noch nicht gesehen. Vielleicht wird es wieder Kommentare geben. Und bestimmt werden einige wieder Gott was weiß ich über mich denken. Aber ich liebe meinen Beruf. Ich tue alles dafür auf der Bühne stehen und tanzen zu können."
Mohammed gibt sein Bestes. Doch die Stimmung in der mediterranen Ferienanlage, in der die ägyptische Mittelschicht ihre Ferien verbringt, ist spießig, gelangweilt – fast schon demonstrativ abweisend, besonders wenn Mohammed tanzt. Farid Said, Zuschauer: "Unsere Gesellschaft akzeptiert keine männlichen Tänzer. Das gefällt vielleicht ausländischen Touristen – aber den Ägyptern – nein."
Mohammed wie in Trance. Er wird jetzt davon träumen, einmal auch vor eben jenen Ausländern aufzutreten; die ihn beklatschen, die seine Kunst und sein außergewöhnliches Talent verstehen.
(Quelle: ARD)